Wander-Ausstellung
Cesky Krumlov (Krumau) liegt in Südböhmen an der Moldau,gut
20 km nördlich der österreichischen Grenze und 20 km südlich
von Budweis. "Fünf Tage dauerte mein Aufenthalt und der erste
Bummel durch die Stadt war wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Während
dieser Wintertage kamen der alte Geist und die Schönheit der Altstadt
besonders gut zur Geltung. Doch da und dort wurde ich sehr schnell in
die Gegenwart zurückgeholt und die Phantasie möchte man gar
nicht in die Zukunft schweifen lassen. Es zeigt sich, daß viele
Schätze behutsam gehoben und andere bereits zerstört worden
sind. So gesehen ist Krumau metaphorisch gesagt doch ein "Böhmisches
Dorf". 3. Pressearikel: 4. Hintergrundtexte + -bilder In einem der Verwaltungsgebäude ist der Rabbiner Óimon Adler geboren, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Das Haus ist das dritte, das nach einem Privathaus und der Kirche renoviert wird. Es soll ein Museum zur Erinnerung an die Opfer der Gewalt werden. Auf dem Friedhof wurden in den letzten Jahren immer mehr Gräber wiederentdeckt. Die Angehörigen lassen sie meist von alten Leuten aus der Umgebung pflegen. Freilich werden unter dem Gestrüpp viele Namenstafeln unentdeckt bleiben. Seltsam mutet die renovierte Mauer um das Freidhofsgelände an, ein Kontrast zu der friedlichen Wildnis der Gräber. Vor der Renovierung war das Kircheninnere nur ein riesiger leerer Raum mit bröckelnden Stuckdecken, der Altar ein bloßer Ziegelhaufen, verfallene Holztreppen zur reich verzierten Empore. Die Kirche soll, so erzählte uns ein deutschstämmiger Besucher, vor 1990 als Waffenlager gedient haben. Mythos oder Wahrheit - die Gitterstäbe an den Fenstern lassen es jedenfalls möglich erscheinen. Dies würde auch erklären, warum man die Kirche neben den Hauptverwaltungsgebäuden des Militärs hat stehen lassen, obwohl ringsum alle Dörfer gänzlich zerstört worden waren. Ein weiteres Gerücht geht um: Ein ehemaliger Einwohner jüdischer Abstammung, der vor den Nazis in die USA geflohen ist, soll 4 Millionen Dollar für den Wiederaufbau der Kirche und der Hausruinen gesammelt haben. Der Bürgermeister der Gemeinde Hartmanice, zu der jetzt Dobrá Voda gehört, weiß davon allerdings (noch ?) nichts.
Adalbert Stifter beschreibt die einfache Geographie Krumaus: »Die Moldau macht einen Ring, dann macht sie außerhalb desselben einen zweiten verkehrten und dann noch einen größeren, der wieder verkehrt ist und aus ihm stehen gerade Felsen empor.« Im ersten Ring auch heute noch kleine vorstädtische Siedlungen, im zweiten engen die Altstadt mit dem Stadtplatz, dem ehemaligen Jesuitenkloster (16. Jahrhundert, heute Hotel Ruúe) und der Dekanatskirche St. Veit (15. Jahrhundert) als eine Dominante. Im dritten Ring schließlich liegt das ganz alte Krumau mit dem bis 1555 selbständigen Stadtteil Latron, dem Minoritenkloster, der Jodokuskirche (ursprünglich Spital, 14. Jahrhundert) und der Burg auf dem Felsen, dem heutigen Schloß, das dem Hradschin in Prag weder an Schönheit noch an Mächtigkeit nachsteht. Der runde Burgturm ist die eigentliche Dominante der Stadt und gilt vielen als der schönste in Europa. Die jahrelangen Renovierungsarbeiten an der gesamten Fassade und dem Arkadenumgang sind seit 1995 weitgehend abgeschlossen. Der obere Teil ist ein Werk der Renaissance, der Grundbau des Turms aber gehört zu dem ältesten Gebäude in Krumau, dessen Geschichte mit der Burg auf dem Moldaufelsen begann. So steht es auch im Schlußsatz von Stifters Roman Witiko: »Er hatte in späten Jahren noch eine große Freude, als sein Sohn Witiko auf dem Fels der Krummen Au, die nun zu Witikos Stamme gehörte, eine Burg zu bauen begann.« Das war etwa im Jahr 1240. Nach Aussterben der Krumauer Linie im Jahre 1302 übernahm die Rosenberger Linie der Witigonen die Herrschaft. Sie waren mit ihrem Krumauer Stammsitz oft mächtiger und reicher als der König in Prag. Im Schutz und zu Diensten der Burg kamen Siedler aus Bayern und Österreich in die neue Stadt. Im 16. Jahrhundert begann die Ausbeutung der Silberminen in den umliegenden Bergen und mit den riesigen Gewinnen bauten die Rosenberger die Burg zu einer Renaissanceresidenz aus. - Um 1600 waren die Silberminen erschöpft und der letzte Rosenberger, Peter Wok, verkaufte die Herrschaft Krumau an den Habsburger Kaiser und Herrscher in Prag. Der schenkte sie schon 1622 einem getreuen katholischen Feldherrn des dreißigjährigen Krieges, Freiherrn von Eggenberg. - Durch Heirat kam 1717 die Herrschaft an die Fürsten von Schwarzenberg, die bis zur Übernahme durch die kommunistische Regierung 1947 in Südböhmen regierten. Das Schwarzenberger Wappen (Türkenkopf und Rabe) begegnet einem in Krumau fast so häufig wie die fünfblättrige Waldrose der Rosenberger. Die Schwarzenberger ließen Mitte des 18. Jahrhunderts die ebenso mächtig wie grazil wirkende Mantelbrücke zwischen Schloß und Park bauen. Ferner entstand in der Zeit durch den Maler Josef Lederer innerhalb weniger Wochen der beeindruckendste Raum, den man bei der Schloßführung zu Gesicht bekommt: Der Maskensaal mit seinen raffinierten Illusionsmalereien. Rilke bezeichnet ihn in seinen »Böhmischen Schlendertagen« als »einzig in seiner Art. Die ganzen Wände sind mit überlebensgroßen, voll heiterer Ironie gemalten Figuren bedeckt. Da sieht man Ritter und Herren, edle Frauen und würdige Matronen, Zwerge und Riesen, Harlekins und Zauberer in buntem Gewimmel. ... Die Fülle der Personen und die wunderbare naive Plastik derselben machen einen geradezu betäubenden Eindruck.« Denkmalschützer sind von Krumaus Altstadt begeistert, weil sich
hier in der Bausubstanz seit 1800 kaum mehr etwas geändert habe.
Und doch ist Krumau heute nicht einmal gegenüber 1989 wiederzuerkennen.
Das liegt weniger an den teils recht guten, weil nicht überhasteten
Renovierungsarbeiten, es liegt am neuen Geist der Stadt. Makler, Spekulanten,
Händler ließen sich als Geschäftsinhaber nieder. »Bei
der sanften Revolution haben wir von denen nichts gesehen«, schimpfen
die Einheimischen. Ohnehin kommen die Geschäftemacher fast alle von
auswärts. Sie übernehmen - oft zu Spottpreisen - die wertvollsten
Gebäude und erhalten zwar meist die Fassaden, wie es das Denkmalamt
fordert. Hinter den Fassaden aber stehen Boutiquen, Banken, Bistros und
Souvenirläden. Nach einem langen Dornröschenschlaf und dem zwei schöne Jahre dauernden Erwachen ist Krumau, die mittelalterliche Märchenstadt, mit aller Gewalt entdeckt worden. Viele der Vorboten der Entdeckung, etwa junge Künstler aus USA, Australien, Westeuropa, die 1990 in dem preiswerten Idyll ihre Wohnung nahmen, ziehen wieder ab. Heute drängeln sich im Sommer vom späten Vor- bis zum späten Nachmittag Tausende von Tagestouristen durch die engen Gassen und Geschäfte der Stadt. Ruhig ist es im Stadtmuseum 200 m oberhalb des Ringplatzes. Es gibt einen guten Überblick über die Geschichte der Region und hat ein einzigartiges Keramikmodell: Stadt und Schloß im Jahre 1800 im Maßstab 1:200. Der Blick aus dem Museumsfenster zeigt sehr anschaulich, wie wenig sich tatsächlich an der Bausubstanz geändert hat. Das Schielemuseum 100 m unterhalb des Ringplatzes wurde 1993 eröffnet. Es ist eine Hommage an das Leben und Werk Egon Schieles, der in der Geburtsstadt seiner Mutter ein Haus gemietet hatte und immer wieder den Blick vom Turm auf das Dächerwirrwarr und die Felderlandschaft (heute von sozialistischer Vorstadtarchitektur versiegelt) malte. Menschenleer übrigens, denn die »Stubenhockerhäusler«, wie er die Bewohner nannte, blieben ihm fremd. Als er Akte von jungen Mädchen malte, mußte er gehen. Ein menschenleeres Krumau ist in den Sommermonaten heute nicht mehr vorstellbar.
Sehr viel ruhiger ist es im Spätherbst und Winter (wobei dann das
Schloß geschlossen hat). - Speziell im Sommer sollte man nicht nur
als Tagestourist bleiben. Als Übernachtungsgast hat man den eminenten
Vorteil, daß sich morgens bis 11 h und abends nach 17 h, wenn die
Busse und Autos alle weg sind, noch ein wenig von der alten und neuen
Idylle erleben läßt: Sich in der Enge der Stadt zu verlieren,
in den verwinkelten Gassen und Plätzen und Höfen am Moldauufer,
in einer der altehrwürdigen Gastwirtschaften oder bei einem der bekannten
Konzerte im Schloßgarten mit Renaissancemusik, einer barocken Theateraufführung
oder einem der in Tschechien unvergleichlich lebendigen Folk- und Rockkonzerte. |
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