Wege
in die Stille.
Skilangläufer finden in Tschechiens grenznaher Region ein ideales
Gebiet.
Unser Langlaufquartier heißt „Hájenka"
- das ist Tschechisch für „Forsthaus". Doch die
ehemalige Hütte des Grafen Philipp von Kinsky steht nicht im
Wald, sondern mitten auf einem herrlichen Plateau. Durch das Fenster
sehen wir einzelne Bauernhöfe, Solitärfichten und zerzauste,
über die Hochebene verstreute Moorbirken. An Schnee fehlt es
nicht. Während nebenan im Bayerischen Wald die weiße
Pracht zu kümmerlichen braunen Häuflein zusammengeschmolzen
ist, trägt die höchstgelegene Siedlung des Böhmerwaldes
eine anderthalb Meter dicke Schneedecke. „Acht Monate im Jahr
herrscht Winter - vier Monate bleibt es kalt", spotten die
Alten über ihre raue Heimat. Kein Monat ohne Frost! Es regnet
oder schneit an 180 Tagen im Jahr. Der stetig wachsenden Wintersportgemeinde
kann's recht sein: Von Dezember bis März zählt der Böhmenwald
zu den schneesichersten Gebieten Europas.
Der flüsternde Wald
Zwei Gruppen werden am ersten Tag von Reiseführer Jaroslav
Neuil gebildet: eine „etwas sportliche" und eine
„gemütliche". Das ist gut so. Denn die Fortgeschrittenen,
vier Männer, eine Frau, schießen mit Jaroslavs Assistentin
Sona in einem Affenzahn am Rest der Gruppe vorbei. Wir anderen stehen
eher wackelig auf den Brettern, schieben uns vorsichtig in den Wald.
Auf und ab geht es vom kleinen Wintersportort Kvilda, über
Bergrücken, durch Hohlwege und Täler. Vorbei am Trainingsgebiet
der tschechischen Langlauf-Elite, Zadov-Churáiíov.
Übers Glashüttendorf Zlatá Studnia zur Streusiedlung
von Horská Kvilda. Nur 13 Kilometer sind es heute - die haben's
dafür in sich: Vereiste Abfahrten machen uns zu schaffen, wir
gleiten nicht - wir rutschen. Einige aus der „gemütlichen"
Gruppe gehen auf Nummer sicher, schnallen die Bretter ab und wandern
neben der Loipe. Alles ist erlaubt. Pause. Wir strecken die Nasen
in die Sonne, trinken Tee aus Thermoskannen, genießen die
friedlich-weiße Winterlandschaft, schweigen. Da ist es: Das
leise Rauschen - das Murmeln des Windes in den Bäumen.
Autos sind rar im größten Waldgebiet Mitteleuropas. Dafür
bläst pausenlos der Wind, der dem Nationalpark seinen romantischen
Namen gab: Šumava, die Rauschende. Von herber Schönheit
und unendlich weit dehnt sich der Gebirgszug an der Grenze zu Deutschland
und Österreich: Wälder, Hochmoore, Gletscherseen, naturbelassene
Bäche - „Kanada vor der Haustür", so kommt
es unserer Gruppe vor. Nur 7 Kilometer westlich der „Hájenka"
liegt Bayern. „Doch in der CSSR war westlich der Orte Kvilda,
Modrava und Srni die Welt zu Ende, nicht ein einziger Wanderweg
war zu betreten", berichtet Jaroslav Neuil. Wie hat sich
das Niemandsland seitdem gewandelt! Keine Sperrzone mehr, dafür
grenzüberschreitende Wege und Loipen. Nur die breiten Waldschneisen
in Grenznähe weisen noch auf die militärischeVergangenheit
hin. Seit 1991 ist das Waldmeer geschützt. Luchs, Wolf, Otter,
Dachs, sogar Auerhähne leben hier, gerade im Sperrgebiet hatten
sie Ruhe und konnten sich prächtig entfalten.
Dörfer sind rar: Nur 900 Menschen leben im Kern des Böhmenwaldes
zwischen elezná Ruda und dem LipnoStausee. Bis zum
Zweiten Weltkrieg gab es hier 60 Dörfer, vor allem von Deutschsprachigen
bewohnt. Dann vertrieben zunächst Deutsche die Tschechen, und
nach dein Zweiten Weltkrieg wurde der Spieß umgedreht. „In
den 50erJahren wurden die verlassenen Häuser der Deutschen
dem Erdboden gleichgemacht", erzählt Jaroslav Neuil,
„da mit sich kein Republikflüchtling in den Mauern verstecken
konnte." In einigen Dörfern, wie Dobrá Voda (ehemaliger
deutscher Name: Gutwasser), blieb wenigstens der Friedhof verschont.
Langlauf ist hier Volkssport
Gleich nach der Wende begannen die übrig gebliebenen Gemeinden,
ein Netz markierter Wanderwege anzulegen. Mittlerweile durchziehen
300 Kilometer Loipe die Berge, vor allem tschechische Skiläufer
kommen hierher. „In Tschechien ist Langlauf Volkssport",
erklärt Jaroslav Neuil, als wir auf ein paar Nachzügler
warten. Bald zeigt sich, dass Langlaufkondition nichts mit Alter
zu tun hat. In beiden Gruppen sind die ältesten Teilnehmer
die fittesten. Ruth, 54-jährige Archivarin aus Berlin, führt
meist die „Gemütlichen" an. In weißem Skianzug,
gelben Stiefeln und farblich passendem Stirnband macht sie immer
eine gute Figur. In der „sportlichen" Gruppe ist Walter
ganz vorn. Der frisch pensionierte 61jährige Prokurist legt
fast alle Wege doppelt zurück, um gute Fotomotive festzuhalten.
„Herrlich hier. Die Leere. Die Ruhe. Kein Mensch auf den Loipen"
- der Dortmunder genießt die Natur. „In Deutschland
wuselt es von Menschen." Hier wuselt nur Walter. Ein Phänomen:
Immer wenn man meint, ihn für den Rest des Tages verloren zu
haben, taucht er irgendwo wieder auf. Die kräftige böhmische
Küche bringt unsere verbrauchte Energie zurück.
Mittags belohnen wir uns im Gasthaus mit Palatschinken,
Heidelbeeren und Sahne. Abends bringt der Wirt der „Hájenka"
- nach einem Glas Schnaps - deftige Suppen und böhmische Mehlspeisen
auf den Tisch. Skiwandern macht einen Mordsappetit. Am Ende jedes
Tages fühlen wir uns als Helden. Langlauf - etwas für
Unsportliche? Von wegen! Mit meiner Arroganz einer Alpinskifahrerin
ist es schnell vorbei. Muskelpartien, von denen ich nicht einmal
etwas ahnte, machen sich bemerkbar. Jetzt bin ich eine echte Wintersportlerin,
denke ich beim Einschlafen: Ohne Schlepplifte die Berge rauf- das
geht also auch.
Der dritte Tag hält eine leichtere Strecke
für uns bereit. Auf weichem Schnee schweben wir durch den Wald
am Modrawsky Potok. In dieser absoluten Ruhezone des Nationalparks
dürfen wir die Loipe nicht verlassen. Der glasklare Bach flüstert
uns eine Geschichte von unberührter Natur, von Fischen, Eisvögeln,
Gletscherseen. Dicke Schneehauben zieren Steine, die aus dem Wasser
raffen, fantasievolle Muster sind in die meterhohe Schneedecke der
Ufer geschnitzt. Glücksmomente ... Skiwandern ist wie Meditation.
Die monotone Bewegung tut gut: den Blick auf die Spur gerichtet,
der Atem tief und gleichmäßig, der Kopf von Tag zu Tag
leichter. Für Menschen, die viel sitzen und viel um die Ohren
haben, kann es keine bessere Erholung geben. Willi, der unternehmungslustige
Elektrotechniker, sagt, er habe schon lange nicht mehr so viel und
so gut geschlafen.
Böhmische Dörfer
Jaroslav Neuil, unser Reiseführer, läuft nicht nur
klasse Ski, er wird auch nicht müde, uns „seinen"
Böhmerwald zu zeigen. Gemeinsam mit Soha weist er auf unscheinbare
Details und Merkwürdigkeiten hin, führt uns zu übersehenen
Orten, zu Siedlungen aus der Glashüttenzeit, Abraumhügeln
von Goldgräbern, Resten des Eisernen Vorhangs. Die Woche gibt
der Gruppe reichlich Gelegenheit, das Nachbarland intensiv kennen
zu lernen. Wie bei allen AktivReisen, die der Regensburger Veranstalter
„Begegnung mit Böhmen" organisiert (Infos rechts),
geht es auch diesmal um Neugier und Bildung, um nachhaltige Reiseerlebnisse
statt schnellen Konsum. Wer teilnimmt, sollte flexibel sein, denn
in böhmischen Dörfern werden lieb gewonne touristische
Standards selten perfekt erfüllt: Das Handtuch ist kleiner,
das Frühstück weniger vielfältig als in westlichen
Tophotels. Wir gleiten vorbei an Bauernhöfen mit tief gezogenen
Dächern und Stapeln von Brennholz neben der Tür. Keine
Schaufenster, kein Aprés-Ski. Die touristische Infrastruktur
ist hier kaum entwickelt. Der beliebteste Wintersportort Kvilda
erweist sich als bescheidenes Nest, keine Pizzeria, null Discos.
In Filipova Hut', unserem Standort, ist es so ruhig, dass man die
Hasen auf dem Schnee hoppeln hört. Die Hausbar der „Hájenka"
macht um 22 Uhr das Licht aus. Wer dann noch fit ist, macht einen
Nachtspaziergang. Die Sterne funkeln um die Wette. Kurz bellt ein
Hund in einem der wenigen Häuser. Und dann hört man wieder
dieses leise Rauschen, das noch schöner ist als absolute Stille.
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
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