Stille
Tage, schöne Zeilen
Da nahm er das Rasiermesser und schnitt sich die
Kehle durch. Nein, nicht ganz, wie er nie etwas ganz gemacht hatte
im Leben - außer Literatur. Zuletzt, ganz zuletzt, zögerte
er - und der herbeigeschriene Arzt konnte die Wunde noch einmal
nähen. Acht
zehn Stunden lebte er noch. Dann starb Adalbert Stifter am 28. Januar
1868, innerlich zerfressen von der Leberzirrhose, die ihm unmäßige
Völlerei bei Bier und Braten eingetragen hatte - ein Ersatz
für das nichtgelebte Leben. Seine Totenmaske sieht mich an,
in seinem Geburtshaus in Oberplan (Horni Plana), wohin die einen
unserer kleinen Gruppe gepilgert, die anderen nur gewandert sind.
Den Schnitt sieht man auf der Maske nicht, er ist vor der Abnahme
mit einem Streifen Papier (seinem Lebenselixier) verdeckt worden.
Wir wollen auf Stifters Spuren im Böhmerwald wandern, Sumava,
wie ihn die Tschechen nennen, ein Wort, das in ihrer Sprache eine
Mischung aus Wald und Rauschen, Wasser und Sausen ist. Wir, eine
kleine Schar aus böhmendeutschen Heimatssehnsüchtigen,
jungen Enthusiasten und einem alten Offizier, den die Amerikaner
hier 1945 gefangengenommen hatten. Erwin Aschenbrenner (Reisebürochef
in Regensburg) und Arthur Schnabl, Stifter Verehrer, Germanist,
Fotograf und begabter Vorleser sind unsere Begleiter, beide eigentlich
Mittachtundsechziger mit beginnender Resignation über die Zumutungen
des Lebens, wie sie auch schal beim dreißgjährigen Stifter
begonnen hatte. Daß man aus seiner Heimat, seiner Liebe vertrieben
werden kann wie Stifter aus der lebenslangen vergeblichen Liebe
zu seiner Fanny, das ahnen die beiden auch. Und die Vertriebenen
aus unserer Gruppe wissen es.
Dilettant und Stümper
Arthur Schnabl liest im Geburtszimmer Stifters eine Passage aus
„Granit", in der der kleine Adalbert, weil er sich Wagenfett
von einem Hausierer auf die Füße hat schmieren lassen,
aus kindlicher Freude am Herummantschen, von der Mutter verprügelt
wird. „Diese fürchterliche Wendung der Dinge", das
Gequältwerden ohne Wissen, warum, das ist schon der ganze Stifter
in seiner Trostlosigkeit ohne Gott, den die Natur wenigstens vertreten
soll und doch nicht kann und eben dadurch die Gottesfeme nur vertieft.
Zehn Minuten den Kreuzberg hinauf zur Gutwasserkapelle. Da steht
Stifter auf seinem Denkmalsockel: Embonpoint fast schon ein veritabler
Bauch, den großen Wanderhut in der Hand. Nach dem Zweiten
Weltkrieg wurde das Denkmal entfernt, auch Stifter sei schließlich
ein Vorläufer der Nazis gewesen; heute ist dieser Unsinn wieder
gutgemacht. Und dann natürlich das Gruppenfoto, keck schauen
die einen, ehrfürchtig-verehrend die anderen, spöttisch
nur einer: Arthur Schnabl hatte die Unvorsichtigkeit begangen, alle
Reiseteilnehmer einzuladen, ihre Lieblingslektüre mitzubringen
und ebenfalls vorzulesen. Ich zog den lungenkranken, hastigen, sich
keinen Atem gönnenden Thomas Bernhard aus der Tasche („Alte
Meister"): „Daß sich der Mann am Ende umgebracht
hat, ändert an seiner absoluten Mittelmäßigkeit
nichts. Ich kenne keinen Schriftsteller auf der Welt, der so dilettantisch
und stümperhaft und noch dazu so borniert engstirnig ist wie
Stifter und so weltberühmt gleichzeitig. Wenn ich bedenke,
wie die österreichischen Lehrerinnen und Nonnen ihren Stifter
auf dem katholischen Nachtkästchen liegen haben als Kunstikone
neben ihrem Kamm und neben ihrer Zehenschere ..., wird mir schlecht."
Und so über 15 Seiten. Fatal zuerst die Reaktion, dann leise
humorvoll, also verzeihend, dann lauthals lachend. Unsere kleine
Schar hatte durch Entzweiung zusammengefunden - die beste „Gruppendynamik",
die es gibt.
Geld für Spitzeldienste
Natürlich wandern wir zum Plöckenstein (Plechy), Stifters
Lieblingsberg, nahebei. Am Forsthaus von Hirschbergen (jeleni) vorbei,
vorbei an dem großen Tunnel des Schwarzenbergschen Schwemmkanals,
der auf Dutzenden Kilometern die Moldau mit der Donau verbindet.
Dann durch feuchtes Walddunkel und über immer mehr Granit im
Steinernen Meer zum Plöckensteinsee empor. Arthur liest auf
einer Rast: „Möchte es uns gelingen, nur zum tausendsten
Teile jenes schwermütig schöne Bild dieser Waldtale wiederzugeben,
wie wir es selbst im Herzen tragen, seit der Zeit, als es ums gegönnt
war, dort zu wandeln und einen Teil jenes Doppeltraumes zu träumen,
den der Himmel jedem Menschen einmal und gewöhnlich vereint
gibt, der Traum der Jugend und der ersten Liebe." Da wird es
stiller in der Runde, und das Jausengemampfe stockt.
Weiter hinauf durch immer schrofferes Gewurz, Geklipp
und Geklüft. Waldeinsamkeit, Wipfelgerausch, gleichmäßiger
Wegeschritt. Und dann plötzlich auf 1050 Metern - vor uns die
Sanftheit und Ruhe des stummen Sees, der uns mit seinem großen
silbernen Blick unverwandt anschaut. Zur „Strafe" muß
ich lesen, wieder aus dem „Hochwald" und tue es gern:
„Oft entstieg mir ein und derselbe Gedanke, wenn ich an diesen
Gestaden saß: als sei es ein unheimliches Naturauge, das mich
hier ansehe - tiefschwarz - überragt von der Stirne und der
Braue der Felsen, gesäumt von der Wimper dunkler Tannen - drin
das Wasser regungslos: wie eine versteinerte Träne"
Natürlich hat Bernhard, der „größte Übertreibungskünstler
aller Zeiten", wie er sich selbst einmal genannt hat, unrecht.
Stifter hat die Natur beschrieben, er hat sie nicht verkitscht.
Im Gegenteil. Das wird uns hier oben bewußt. Das ist das Wunderbare
dieser Wanderwoche: Bewegung des Körpers durch kräftiges
Ausschreiten im unendlichen Waldmeer und Bewegung des Gemüts
durch Lesungen der „Landesautoren" am Ort der Handlung.
Dazu oft am Abend in unserer bescheidenen Pension Philippshütten
oberhalb 1100 Metern - das böhmische Bier, die Knödel,
der Gulasch, die süßen Golatschen. Nahrung des Leibes
und der Literaturlust - eine köstliche Kombination.
Herauf kamen wir aus Markt Eisenstein (Zelezna Ruda), wo Vietnamesen
Ramsch verkaufen und Neon-Nachtbars trübes, schales Glück
verheißen. Dann Gutwasser bei Hartmanitz, wo die Kapelle des
heiligen Gunther steht, eines gottseligen Eremiten, der von den
lauwarmen Lüsten der Moderne noch nichts wußte. Gegenüber
der Kapelle auf der Hauswand noch das verwaschene, kaum noch lesbare
„Volksschule", daneben „Gasthaus zum Hirschen".
Und der erste Friedhof: „Ich hab ausgelitten" steht für
einen „Spiegel-Poliermeister" auf dem Stein; dann der
„Besitzer des Freibauernhofs Gron", eine „Landswirtsgattin
aus Ebene", eine aus Obermoldau. Tote Lebensbäume, blaue
Lupinen, verrostete Eisenkreuze. Die Uhr am großen Zwiebelturm
der Kirche ist fünfundzwanzig nach zwölf stehengeblieben.
Hier ist schon die Tragödie des Landes sichtbar: Leer, verwüstet,
gesprengt, verkommen liegen die Dörfer der vertriebenen Deutschen,
einst war hier Sperrgebiet und Todesstreifenzone. Bei Tusset (Stozec)
liest uns Arthur aus Ota Filips „Dörfer ohne Kirchenglocken":
„Für jeden gefangenen Grenzgänger gab es eine Belohnung
zwischen 500 und 1000 Kronen. 90 Prozent der Bewohner in den grenznahen
Dörfern verdienten ihr Taschengeld als Spitzel. Die Leute hier
rissen sich um diese schmutzigeArbeit."
Wie es zuging im Egerland
Der dritte Wandertag, im Regen, führt uns nach Bergreichenstein
(Kasperske Hory), der alten deutschen Goldknappenstadt, die im Spätmittelalter
in höchster Blüte stand. Bei Rehberg der strahlende Durchbruch
der Sonne -Sofort wird es warm wie im Sommer, die rauchenden Nebelschwaden
zerreißen. Aus Bergreichenstein sind 99 Prozent der Deutschen
vertrieben worden. Die Nikolauskirche außerhalb des Ortes
zeigt deutsche Baukunst des Spätmittelalters: drei Kirchenschiffe,
ein imposantes Presbyterium, eine Holzdecke im Mittelschiff mit
dem österreichischen Doppeladler im Zentrum und der Jahreszahl
1313, eine Anna selbdritt in der Nebenkapelle. Ein geschnitztes
Fegefeuer verschlingt unter dem Altar die armen Seelen. „Realitätenbesitzersgattinnen"
liegen auf dem aufgelassenen Friedhof, manche allein in großen
Familiengräbern, Ende 1944 das letzte Mal „belegt".
In der wärmendere Sonne, gelehnt an die alte
Friedhofsmauer, mit Blick auf die Ruine Karlsberg, liest Arthur
eine Geschichte von Johannes Urzidil (18961970), dem Prager, der
soviel zur Vermittlung zwischen Deutsch-Böhmen und Tschechen
getan hat. Die Geschichte erzählt von einer „schönen
Leich" im Egerland, wie's zuging am Gottesacker, damals. „Ja,
so war es wirklich!" sagt unsere Elisabeth, die Sudetendeutsche,
die mit zwanzig Kilo Handgepäck 1945 den „Transfer"
erleben mußte, wie es im tschechischen Tourismusführer
noch immer heißt.
Felsen als Bühne
Jetzt ist alles modern und aufgeschlossen im Böhmerwald. In
Unterreichenstein gehen wir zur Mittagsbrotzeit ins „Waikiki".
Da gibt es Musikterror aus der „Juke-Box", ein „Hühnerfleisch
Peking", ein "Eis Kongo". Cool saugen die schicken
Tschechen an ihrem „Tschik", wie die Österreicher
die Glimmstengel nennen. Nein, lieber weiter zum Drachenfelsen bei
Zwofischen (Svojse), tiei im Wald mit roten Giftpilzen, Flechten,
Moosen, Farnen, Zwergkiefern. 500 Meter lotrecht unter uns das nur
noch erahnte Band der Moldau, die Sumava rauscht, das Licht sinkt,
die Schatten werden länger. Felstrümmer sind unsere Bühne,
dampfende Nebelfetzen recken graue Finger nach uns aus dem Schwarz
des schweigenden Waldes. Der Wind kommt aus dem Bayerischen her.
Erwin Aschenbrenner liest uns Britting: „Das ist nicht ein
Wald wie sonst einer/ Der Böhmische Wald/ Er ist so schwarz
wie sonst keiner/ Es hat ihn noch keiner gemalt/ Wie er ist./ Und
der Winter ist lang/ Und der Sommer ist schwer/ Vom Grün und
vom Gold/ Das wipfelab rollt. .."
Stille Tage, schöne Zeilen sind das. Nicht nur Stifter und
Karl Klostermann („Böhmische Skizzen"), auch Bohumil
Hrabal, Karl Capek, Josef Holub („Der rote NepomuK) haben
wir genossen-und bedacht. In Antigel, das so heißt, weil es
hier nur einen Schmelztiegel gab, sind wir gewandert, den Hammerbach
entlang zur Turnerhütte, nach Böhmisch-Röhren (Ceske
Zleby) am Goldenen Steig, nach dem halbzerstörten Guthauser,
wo Capeks „Eine Haltestelle" spielt. Im älplerisch
wirkenden Waller haben wir in der trostlosen Bahnhofsgaststätte
Bier getrunken, in Krumau (Cesky Krumlov) - ach, von dieser Perle
ein andermal. „Gott war guter Laune", schreibt der Prager
Rilke, „geizen ist doch wohl nicht seine Art; und er lächelte:
da ward Böhmen reich an tausend Reizen." Und seine „Volksweise"
klingt uns ewig aus dem großen Walde nach: „Mich rührt
so sehr/ böhmischen Volkes Weise,/ schleicht sie ins Herz sich
leise,/ macht sie es schwer. Magst du auch sein/ weit über
Land gefahren,/ fällt es dir doch nach Jahren/ stets wieder
ein."
Peter-Meier-Bergfeld
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
|
|













[zurück]
Sie wollen diesen Artikel ausdrucken? Klicken Sie mit der rechten
Maustaste auf den Text - drucken.
|