Ganz
locker in der Loipe
Der Schweinsbraten links zählt noch zu Bayern, die Knödel
rechts sind böhmisch. Das Bier in der Mitte? Neutral. Grenzstation
Bayerisch-Eisenstein im ehemaligen Niemandsland zwischen Deutschland
und Tschechien. Jetzt ist es nicht mehr weit und ein Dutzend Langlauf-Fans,
fiebern unserem Ziel entgegen - dem dick verschneiten Böhmerwald.
„Ahoi!" heißt es zum Empfang. Den flotten Seemannsgruß
ruft man sich hier als Begrüßung zu. „Sumava",
die Rauschende, nennen die Tschechen ihren Wunderwald. Und wirklich,
am ersten Morgen erwache ich von einem irren Brausen, so als würde
ein Wasserfall gleich neben meinem Kopfkissen herunterpladdern.
Doch es ist nur der Wind in den dichten Tannen rund um unsere Pension
.,Hajenka" in Filipova Hut', dem höchsten Dorf Böhmens,
das 1150 Meter über dem Meeresspiegel liegt, Urgemütlich
ist mein Zimmer in dem ehemaligen, von Grund auf renovierten Forsthaus.
Eisblumen wachsen an den Fenstern, und um die Dachluken draußen
wölben sich weiße Hauben.
Es hat die ganze Nacht geschneit, und als wir unsere
ersten Langlauf-Schritte tun, sind wir froh, dass auf dem ohnehin
schon meterhohen Schnee ein weiches Polster liegt. Zwar schliddern
wir direkt neben der Trainingsloipe der tschechischen Nationalmannschaft
entlang, doch olympiaverdächtig sind wir deshalb noch lange
nicht. Müssen wir auch nicht, denn „der Erwin" passt
sich unserem Tempo an. Dr. Erwin Aschenbrenner, promovierter Philosoph,
lebte einige Jahre in Asien und Südamerika, bevor er sein Herz
an dieses „unentdeckte" Gebiet verlor und seither mit
seinen Reisen dafür wirbt, dass Schönheit und Natur auch
für andere Nicht Böhmische Dörfer bleiben.
Gut 300 Kilometer Loipen führen über
Hochmoore, vorbei an Gletscherseen und blauen Bergen und immer wieder
durch kuschlige Tannenwälder, deren Zweige sich unter der Schneelast
biegen. Ab und zu die Spuren von Dachs, Fuchs oder Reh. „Der
Erwin" wird auf seinen Touren von Jiri und Dalibor, zwei tschechischen
Sportlehrern, unterstützt. Wobei Letzterer auch mal in den
weichen Neuschnee abtaucht. Der vermeintlich simple Langlauf hat
seine Tücken: Bergauf geht's immer nach dem Schema: zwei Rutscher
vor und einen zurück. Bergab aber fühlt man sich auf den
schmalen Skiem nicht selten wie barfuß auf der Eisbahn. „Aaaus
dem Weg - ich komme...!" Und dann sind nur noch die neongelben
Unterseiten der Skier zu sehen.
Abends, beim Becherowka, der hier als Medizin gilt,
lachen wir darüber. Gebraut wird dieser Zaubertrank aus exakt
20 böhmischen Heilkräutern. Seine einzige Konkurrenz ist
das Pivo, was auf gut deutsch Bier heißt. Nichts schmeckt
besser zu all den „knedligs" (Knödel), zu „bramborovys"
(Kartoffeln a la Brandenburg) oder zum Schweinsbraten, den man hier
„böhmischen Spatz" nennt. Flügel wachsen uns
nach dieser deftigen Kost zwar nicht gerade, aber Fortschritte haben
wir nach einer Woche Langlauf schon gemacht. Jetzt starren wir nicht
länger krampfhaft nach unten auf die Loipe, können die
Winter-Zauberwelt um uns herum genießen. Und wissen, es war
nicht das letzte Mal - ahoi, Böhmerwald!
Monali Hierl
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
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