Böhmens
Dichterwald
Geographie
Einst galt das ganze Gebirge, das sich zwischen dem Fichtelgebirge
in Bayern und dem Mühlviertel in Österreich von Nordwesten
nach Südosten erstreckt, als »Böhmerwald«.
Er ist geographisch gesehen das größte zusammenhängende
Waldgebiet Mitteleuropas. Das »Grüne Dach Europas«
wurde 1999 von den Naturfreunden zur »Landschaft des Jahres«
erklärt. Im engeren Sinne meint Böhmerwald jenen Bergzug,
der nordöstlich der deutsch---tschechischen Grenze parallel
zum Bayerischen Wald verläuft: »Šumava« sagen
die Tschechen, »die Rauschende«. Durch die Šumava
führt die beschriebene Wanderung.
Naturschutz
690 Quadratkilometer des Böhmerwalds in Tschechien wurden 1991
zum Nationalpark erklärt. Weitere 994 Quadratkilometer sind
Naturschutzgebiet. Allerdings gibt es Versuche, die Grenzen des
Nationalparks aufzuweichen. Eine Investorengruppe versucht, den
Bau von Skiliften am Hochficht durchzusetzen. Und ein Gesetz zur
Rückgabe von Gemeindeeigentum machte es möglich, dass
dort, wo zehn Jahre lang kein Mensch Zutritt hatte, wieder Holz
geschlagen wird.
Veranstalter
Die beschriebene Reise LiteraTour Böhmerwald wird durchgeführt
von Begegnung mit Böhmen. Sie beginnt in Bayerisch Eisenstein
(Anreise auf eigene Kosten, am besten mit dem Zug) und dauert eine
Woche. Im Preis enthalten sind sieben Übernachtungen mit Halbpension,
Transport mit einem Kleinbus, alle Führungen und das komplette
literarische Programm: 98-seitiges Reiselesebuch vorweg, wohlsortierter
Büchertisch in der Unterkunft, Lesungen, Treffen mit einem
tschechischen Autor. Übernachtet wird zunächst in der
höchstgelegenen Pension des Böhmerwaldes in Filipova Hut',
dann in einer Privatpension in Lenora. Die Gruppen haben höchstens
16 Teilnehmer und werden von zwei Begleitern betreut. Preis: 530
€.
Info: Begegnung mit Böhmen, Dechbettenerstr. 47b, 93049 Regensburg,
Tel: 0941-2 60 80, Fax 26081
(www.boehmen-reisen.de).
Nein, Böhmen liegt nicht am Meer, wie Shakespeares Fantasie
es im »Wintermärchen« wollte. Aber Böhmen
hat ein Meer, wenn man sich beim Blick vom Drachenfelsen hoch über
dem Tal der Otava der eigenen Fantasie überlässt: Hügelauf,
hügelab wogt in sanften Wellen ein schwarzgrüner Ozean
aus Fichten, gesprenkelt vom Lindgrün verstreuter Laubbauminseln,
gekrönt von den blaugrünen Zacken der Wellenkämme.
»Das ist nicht ein Wald wie sonst einer, der Böhmische
Wald. Er ist so schwarz wie sonst keiner, es hat ihn in seiner schwarzen
Gewalt noch keiner gemalt wie er ist ... « Ganz ohne Pathos
trägt Arthur Schnabl die Huldigung des Schriftstellers Georg
Britting vor. Wir sitzen auf den warmen Steinblöcken in der
Abendsonne, blicken über die Täler und hören zu,
wie unser Reisebegleiter Sprache und Landschaft zu einer Einheit
werden lässt.
Wenngleich es einem vom Drachenfelsen aus so erscheinen mag und
Karel Capek, der berühmteste Autor der Vorkriegs Tschechoslowakei,
in der »unendlichen Länge« der Wälder sogar
»die lange, rauschende Zeit« vernahm, besteht der Böhmerwald
nicht aus lauter Bäumen. Die Fichtenforste machen öfter
einmal Pause, für Hochmoore, Weiden, ausgedehnte Felsenfelder,
Bergflüsse gurgeln in ihrem steinigen Bett der Moldau oder
Donau zu, Gletscherseen aus der Eiszeit verstecken sich in den Hochtälern.
Menschen hat es wenige: Auf jeden der 2100 Bewohner des Nationalparks
im tschechisch -bayerisch-österreichischen Grenzgebiet kommen
rund 33 Hektar Fläche. Und doch finden sich überall die
Spuren der Vorfahren, denen der Wald Geschenk war und Last, Ort
großer Gefühle und gefährlicher Arbeit. Diesen Spuren
wollen wir folgen, geleitet von den Werken der Schriftsteller, die
von der rätselhaften Aura des Böhmerwalds fasziniert waren.
Wir: Das sind fünf Wanderer zwischen 34 und 76 und unsere Guides
Arthur Schnabl und Radka Neuzilová, die 28-jährige Germanistikstudentin
aus Prachatice, die über das Sprichwort »Das sind für
mich böhmische Dörfer« nur lachen kann. Sie kennt
sie alle.
Bei den Dichtern steht der Böhmerwald von Wurzel bis Wipfel
in Saft und Kraft. Wir erwarten nicht, ihn überall noch als
Idylle vorzufinden. Aber oben am Breznik, dem Pürstling, erschrecken
wir doch: Statt sattgrüner Fichten säumt eisgraues Gestrüpp
die sumpfige Hochebene; der Borkenkäfer hat das Baumleben ausgelöscht
- eine Naturkatastrophe noch nie dagewesenen Ausmaßes. Noch
nie? Radka weiß es besser, sie hat Karel Klostermann studiert,
den Chronisten des nördlichen Waldes am Ende des 19. Jahrhunderts.
Er berichtet von einer »Borkenkäfercalamität«,
die gewaltige Fichtenforste niederrieseln ließ - zwischen
1872 und 1874 war das. Radka ergänzt, was Klostermann noch
nicht wusste: Ursachen der Katastrophe waren damals (und sind bis
in die jüngste Zeit) der Raubbau an der Natur und das mangelnde
Verständnis ihrer Zusammenhänge. Bereits zu Beginn des
19. Jahrhunderts hatte das Adelsgeschlecht der Schwarzenberger den
Wald dezimiert und klafterweise über einen eigens erbauten
Kanal nach Wien und Budapest geschwemmt. Die Herren ließen
zwar wieder aufforsten, unseligerweise aber mit schnell wachsenden
Fichtensorten aus tieferen Lagen, die sich als anfällig für
Windbruch erwiesen. Als 1870 ein Sturm hineinfuhr und wüste
Schneisen schlug, fanden die Schädlinge im geworfenen Holz
ein ideales Quartier. Das wurde dem Borkenkäfer dann durch
die Orkane Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erneut
angeboten. Die Spuren der Vernichtung werden nicht so bald überwachsen
sein.
Bei Horaská Kvilda gehen wir einen tief eingetrampelten,
stock- und steinübersäten Weg durch den Wald. Mehr ist
nicht geblieben vom »Goldenen Steig«, jenen Handelsstraßen,
die einst Böhmen und Bayern von Prachatitz bis Passau verbanden.
Im Mittelalter waren sie wirtschaftliche Lebensadern, erfahren wir
aus einer Schilderung des Schriftstellers und Volkskundlers Paul
Praxl. Fast glauben wir, die fröhlichen Tiroler Weinhändler
und die böhmischen Kaufleute in edlem Tuch an uns vorbeiziehen
zu sehen, die armen Glasträger mit den Waren aus den Glashütten
auf dem Rücken und die abgedankten Landsknechte; und dann dieser
eigenartige Gestank in der Luft - na klar: die »ungarischen
Sauschneider, die man schon von weitem roch«. Keine Schmähung
eines textilverarbeitenden Berufes: Bei den Sauschneidern handelte
es sich um die angesehene Zunft der Vieh-Kastrierer, die den Stallgeruch
so stolz trugen wie die Flaumfeder des Steinadlers an ihrem Hut.
Einen Tag wandern wir an der Vydra entlang, sie schießt und
wirbelt noch immer ungebändigt zwischen glatt geschliffenen
Felsblöcken dahin, die an riesige versteinerte Knödel
und Knollen erinnern. Zu Klostermanns Zeiten stocherten hier im
Frühling die Männer vom Ufer aus mit langen Stangen das
Schwemmholz frei, das sich in schäumenden Töpfen und widrigen
Spalten verkantet hatte. Wer dabei in den reißenden Fluss
stürzte, war verloren.
Neben der Holz-, Papier- und Textilwirtschaft war über Jahrhunderte
die Glasmacherei ein wichtiger Erwerbszweig im Böhmerwald -
eine natürliche Kombination, denn die Öfen der Glashütten
brauchten viel Holz. Das führte aber auch ab Mitte des 19.
Jahrhunderts zu ihrem allmählichen Verschwinden. Mehr und mehr
Wald wurde geschlagen, für Sägewerke, Holzkohlenmeiler,
Glasöfen und die Holzflöße, die über Flüsse
und Kanäle gen Prag und Wien transportiert wurden. Irgendwann
gab es keinen Brennstoff mehr.
In Lenora treffen wir Egon Urmann. Er kennt viele Geschichten über
Glas und Glück und wie es zerbrach. Sein Vater war Glasmacher,
wuchs auf in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als die »Hüttenleu«
richtig viel Geld verdienten, in den Gaststätten die Musiker
freihielten, das Bier in Strömen fließen, die Brühwürste
kesselweise auffahren ließen und sich die Zigarren mit Hundertkronenscheinen
anzündeten - was die Mädels entzückte und die Bauernsöhne
zur Weißglut trieb. Die Glasmacher lebten auf großem
Fuße - aber zu Hause gab es oft für drei Kinder nur eine
ordentliche Hose.
Urmann ist einer der wenigen Deutschen, die nach 1945 in der Tschechoslowakei
bleiben durften, seines Vater wegen, der als Glasmacher den Status
des unverzichtbaren Fachmanns hatte. »Es ist immer das Nationale,
das das Unheil in den Köpfen anrichtet«, sagt Urmann
über das finsterste Kapitel tschechisch-deutscher Geschichte.
Er wendet sich gegen einseitige Schuldzuweisungen. Gewiss, die Deutschen
waren die Aggressoren und Unterdrücker. Nach der Befreiung
aber antworteten die Tschechen auf Gewalt und Unrecht mit Gewalt
und Unrecht - die deutschsprachige Bevölkerung, fast drei Millionen
Menschen, wurde vertrieben. Spuren der Geschichte: Anderntags wandern
wir südwestlich von Ceské leby, dem einstigen
Böhmisch-Röhren, entlang der Grenze zwischen Tschechien
und Bayern. Drüben das propere Bischofsreut, dazwischen ein
Tal, ein Bach, die Grenze, auf unserer Seite die Bergflanke mit
versteppten Hängen, auf denen ein paar Kühe grasen. Blühende
Kirsch- und Apfelbäume inmitten verwilderter Himbeersträucher.
Und manchmal unter einer knorrigen Ulme ein paar verwitterte Fundamente.
Hier standen einst Dörfer, sagt Radka, die ganz selbstverständlich
tschechische wie deutsche Namen trugen: Schönberg/Krásná
Hora etwa Loder Steinköpfl/Kamenná Hlava.
Bald nach der Vertreibung der Deutschen mussten hier auch die Tschechen
gehen. Die Armee kam, sprengte die Häuser, ebnete die Trümmer
ein. Ab Mitte der fünfziger Jahre war der Grenzstreifen menschenleer.
Lassen wir Gras und Sträucher darüber wachsen, wenden
wir uns nach Süden. Zu den Landschaften des Adalbert Stifter,
Großdichter des Böhmerwaldes. In Oberplan kam er 1805
als Sohn eines Leinwebers zur Welt. Auf einem Hügel über
dem Dorf thront sein Denkmal, sein Geburtshaus ist heute Museum.
Da steht ein Hammerklavier, hinter Glas ist Stifters Totenmaske
zu sehen, an den Wänden Landschaftsstücke - in der Jugend
hat der Dichter sich auch als Maler versucht. Fotos zeigen einen
korpulenten Herrn, der so biedermännisch-selbstzufrieden in
die Welt blickt wie zum Beispiel ein angesehener Landesschulinspektor.
Genau das war Stifter in Linz. Er nahm seine Aufgabe ernst. Nur
über das Wissen würden »die unteren Stände«
die Chance erhalten, ihre Lage zu verbessern. Auch in Stifters Romanen
und Erzählungen geht es meist um Bildung: die durch Lebenserfahrungen
- Liebe, Katastrophen, Entsagung, Natur. Der Dichter, wegen seiner
wunderbaren Landschaftsbeschreibungen lange als Idylliker missverstanden,
kannte die dunklen Seiten der Existenz nur allzu gut. Er war kein
glücklicher Mensch.
Wir erreichen Krumau/Ceský Krumlov. Nach fünf Tagen
Abgeschiedenheit haben wir überhaupt nichts gegen Menschengewimmel,
Imbissgestank, Autohupen. Geduckt, geschachtelt, verwinkelt schmiegt
sich das Städtchen in die Schlangenwindungen der Moldau, überragt
von Burg und Schloss auf ihrem Felsen. Seit Ceský Krumlov
1992 von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt wurde, hat es sich
deutlich verändert. Die Barock- und Renaissancefassaden am
Marktplatz sind bunt gestrichen. Überall Souvenirshops und
Busse, die ihre Touristen vor der Schlossbrücke ausladen. Aber
noch immer ist Cesky Krumlov ein uriges Labyrinth unter Ziegeldächern
mit viel Charme. Man kann auf den Steinen an der Moldau sitzen und
zum bunten Schlossturm hochsehen, der an den kunstvollen Aufbau
einer Hochzeitstorte erinnert. Im Fluss spiegeln sich die Mauern
des »Egon Schiele Art Centrum« - Schiele wurde einst
von den Bürgern vertrieben, weil er in wilder Ehe lebte und
nackte Mädchen malte.
Im Barocktheater zeigt der Stadtführer Peter Polacek, was es
mit dem vielzitierten »Theaterdonner« auf sich hat.
Da poltern die Holzblöcke, entfalten Effektmaschinen aus dem
18. Jahrhundert barocken Bühnenzauber. Abends, im »U
dwaú Maryí«, dampfen die Kartoffelnudeln unter
einer dicken Schicht von heißer Butter und schwarzem Mohn.
Der letzte Tag steht noch einmal im Zeichen Adalbert Stifters. Wir
wandern hoch zum Plöckensteinsee, durch eine erstarrte Lawine
von Felsen, über fußangelnde Wurzeln, zwischen hohen
Fichten. Hier spielt, die Erzählung »Der Hochwald«
von 1842, die Stifter bekannt machte und einen kleinen Touristenboom
auslöste. Dass es in diesem Wald nicht ganz geheuer zugehen
wird, macht Stifter in der Beschreibung des Plöckensteinsees
früh klar. Es schien, »als sei es ein unheimlich Naturauge,
das mich hier ansehe - tief schwarz - überragt von der Stirne
und Braue der Felsen, gesäumt von der Wimper dunkler Tannen
- drinn das Wasser regungslos, wie eine versteinerte Träne«.
Arthur Schnabl schwärmt vom »Sog in der Sprache dieses
Dichters, der als Erster einen naturwissenschaftlichen Blick in
die Literatur gebracht hat«. - »Und doch an solchn Blödsinn
gschriebn hot«, fährt Radka dazwischen. In Sachen Stifter,
den Thomas Mann die »Ehrenrettung der Langeweile« genannt
hat, bleibt die literarische Gemeinde gespalten.
Der See am Grunde des bewaldeten Kessels hat sich seit Stifters
Zeiten wohl kaum verändert. Nur das Ufer ist befestigt worden,
weil eine Filmcrew es bei Dreharbeiten ruiniert hatte. Man meint,
auf dem schmalen Streifen unter der Felswand am jenseitigen Ufer
das Haus ausmachen zu können, in dem die »Hochwald«-Frauen
Johanna und Clarissa Zuflucht fanden vor den Wirren des Krieges
und von den Wirren der Gefühle eingeholt wurden. Ja, es braucht
nur etwas Fantasie. Um sie zu entzünden, sind sie mitgekommen,
unsere stummen, beredten Begleiter: die Dichter.
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
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