"gott war guter laune"
Was wissen Deutsche und Tschechen voneinander? Wenig oder
Falsches. Um das zu ändern, veranstaltet ein Regensburger
Unternehmen sogenannte Begegnungsreisen und wurde dafür prämiert.
Wie eine satte Katze schnurrt die „Böhmisch-Mährische"
durch sanft gewellte Moldau-Auen, dichte Wälder und lichte
Birkenhaine mit dunklen Moorseen. An winzigen Bahnhöfen mit
unaussprechlichen Namen steigen Wanderer ein und aus. Die Wende
vor zehn Jahren hat ihnen ein unvergleichliches neues Wanderparadies
im deutsch/ österreichisch/tschechischen Grenzgebiet beschert.
Im über 40 Jahre lang bewachten Niemandsland blieb eine ursprüngliche
Waldlandschaft mit Gletscherseen, großflächigen Mooren
und Auen erhalten, die als Nationalpark „Sumava" von
der Unesco als Biosphärenreservat anerkannt wurde.
Ein schöner Zug also vom Veranstalter der Reisen „Begegnung
mit Böhmen" und ganz schön clever dazu, seine Tour
zu Weltkulturerbe-Stätten beim weithin noch unbekannten Nachbarn
Tschechien mit dieser Bahnfahrt beginnen zu lassen: Da lehnen
sich die Reisenden entspannt zurück und bekommen durchs Zugfenster
einen zauberhaften Zipfel vom herb-heimeligen Böhmerwald
präsentiert. Und schon nach wenigen Kilometern haben sie
kapiert, warum der Prager Rainer Maria Rilke schwärmte: „Gott
war guter Laune: Geizen ist wohl nicht seine Art; und er lächelte:
da ward Böhmen reich an tausend Reizen."
Diesen Reizen erlag, kaum war der Eiserne Vorhang gefallen, auch
der Regensburger Kulturwissenschaftler Erwin Aschenbrenner. So
sehr ihn Landschaft und Menschen auf Anhieb begeisterten, so sehr
erschreckte ihn der umgehend einsetzende „bumsfidele Bier-
und Billigtourismus" in den Grenzregionen. Diesen oft beschämenden
und oberflächlichen Konsumtouren wollte der überzeugte
„bayerische Böhmerwäldler" mit einem sanften
Konzept von Begegnungsreisen entgegen wirken. Längst steht
dem engagierten Spezialveranstalter ein Stamm kompetenter tschechischer
Mitarbeiter - Pädagogen, Ökologen, Historiker, Kulturkenner
- als Reiseleiter zur Seite. „Alles Glücksfälle",
meint der Idealist aus Regensburg.
Einer dieser Glücksfälle begrüßt uns am Bahnhof
von Cesky Krumlov (Krumau), dem ersten Weltkulturerbe-Ziel der
Reise: Ivan Slavik. Der stellvertretende Direktor des Stadtmuseums
Krumau wird unsere kleine Gruppe die ganze Woche begleiten, zehn
pauschal reisende Individualisten
zwischen 40 und 70 Jahren. Und die kann er mit seinem tiefgründigen
Humor und schier unergründlichem Wissen aus Kunst, Kultur
und Politik begeistern.
Nun erst einmal Cesky Krumlov. Nach der Vertreibung der deutschsprachigen
Bevölkerung schlummerte und bröselte die betagte Schöne
vor sich hin und überlebte die sozialistischen Zeiten zwar
zerknittert, aber ohne Abrissbirne und Bausünden. Seit unter
Unesco-Überwachung saniert und restauriert wurde, treibt's
die alte Dame bunt. Zu bunt, wie Ivan Slavik meint, seien doch
etliche Fassaden zu Kulissen degradiert, viele der Gemäuer
aber auch vorbildlich saniert und restauriert - zumindest äußerlich.
Seit sich die Touristenscharen tagsüber durch die krummen
Gassen zum Schloss schieben, hat sich das Leben für die Krumauer
auf den Kopf gestellt. „Geschäftemacher und Spekulanten
waren 1990 sofort zur Stelle", erinnert sich Slavik, der
seit 1982 in Krumau lebt. Das Leben für die Einheimischen
sei „brutal teuer" geworden, mindestens so teuer wie
in Prag. Viele könnten sich das nicht leisten und müssten
raus. Heute leben in der Altstadt nur noch 1000 Menschen, fast
3000 waren es vor zehn Jahren. „Das ist weniger als nach
dem Dreißigjährigen Krieg und den Pestepidemien".
Wo früher Krämer, Bäcker oder Metzger und fünf
Kneipen für den täglichen Bedarf sorgten, sind heute
Boutiquen, Galerien, Souvenirshops und über 100 Restaurants,
Bistros, Cafés zu finden. Und doch sieht Ivan Slavik im
Jahr elf nach der Wende die Entwicklung Krumaus zum „böhmischen
Rothenburg" weniger negativ als noch vor fünf Jahren:
„Ohne Tourismus wäre die soziale Lage hier entschieden
schlimmer."
Abends beim Bier wird diskutiert und zugehört, gefragt und
vielleicht ein bisschen mehr verstanden vom schwierigen Verhältnis
zwischen Tschechen und Deutschen. Aber auch über die vielen
gemeinsamen kulturellen Aktivitäten im Dreiländereck
kann man, so man will, eine Menge von Slavik erfahren. Schließlich
ist er bei vielen Projekten in Sachen Kunst und Begegnung mit
dabei, sei es beim ersten internationalen Stifter-Symposium, beim
„Fest der freien Künste" im Dreiländereck
oder bei den' Oberplaner Gesprächen, wo Tschechen und Deutsche
Wege zueinander suchen.
Das nächste Weltkulturerbe wirkt wie aus Opas Steinbaukasten:
Schmuck herausgeputzt prunkt das Straßendorf Holasovice
mit seiner heiteren Volksarchitektur im südböhmischen
Bauernbarock. Was aussieht wie die Filmkulisse zu Smetanas Verkaufte
Braut, liegt tagsüber wie verlassen da. Die knapp 140 Bewohner
arbeiten in Budweis oder auf der Kolchose, erklärt uns ein
alter Mann, der mit seinem Enkel herangeschlurft kommt. Fast verschämt
bietet er Postkarten an, ein paar Kronen sind als Nebenverdienst
willkommen. Noch bringt das 1998 verliehene Unesco-Prädikat
dem kleinen Dorf mehr Ehre als Bares - und noch stört nicht
einmal ein winziger Kiosk mit Souvenirs das harmonische Ensemble.
„Denkmalschutz funktioniert bei uns relativ gut", sagt
Ivan Slavik just in dem Moment, in dem die Kühltürme
des Atomkraftwerks von Temelin am Horizont auftauchen. Ivan plädiert
augenzwinkernd dafür, dieses Monster zwar nicht ans Netz
zu hängen, aber als „großartige LandArt"
stehen zu lassen - als weit sichtbares Denkmal für Dummheit.
Für Weitblick, zumindest der Denkmalschützer, sprechen
die einfühlsam restaurierten Stadtidyllen wie Trebon (Wittingau)
oder Jindrichuv Hradec mit seinem Schloss Neuhaus - und natürlich
unser nächstes Weltkulturerbe: das von zwei Teichen umschlossene
Telc (Teltsch). Noch stimmt exakt, was der tschechische Dichter
Karel Capek notierte: „Ich möchte wetten, dass es bei
uns keinen schöneren Marktplatz als den in Telc gibt. Er
ist sehr lang, von Toren abgeschlossen und von Laubengängen
gesäumt. Jedes Haus hat einen hohen Giebel mit schönen
Konturen und mit Stuck und ist rosa oder blau oder weiß
angestrichen... und mitten auf dem Marktplatz einen Brunnen und
eine gewundene Säule und in der Ecke ein Schloss...".
Weiter geht's per Bus und Bahn, denn zum Konzept der Reisen „Begegnung
mit Böhmen" gehört auch die Fahrt mit öffentlichen
Verkehrsmitteln, wo es machbar und sinnvoll ist. Und dank abendlicher
Mini-Sprachkurse können wir uns zumindest mit einfachen Höflichkeitsfloskeln
durch den tschechischen Alltag bewegen. Per Bus also zur Gustav-Mahler-Stadt
Jihlava (Iglau), die durch den Silberbergbau zu Reichtum gelangte.
Hier führt uns Rudolf Neubauer durch seine Heimatstadt, die,
wie er sagt, auch viele der Unesco-Anforderungen erfüllen
würde. Aber ein ehrgeiziger Parteifunktionär ließ
den einmaligen „Kretzel", ein mittelalterliches Ensemble
von Kaufhäusern auf dem riesigen Marktplatz, abreißen,
um ein modernes Kaufhaus hinzuklotzen. Das brachte die Iglauer
noch zu Zeiten des real existierenden Sozialismus auf die Barrikaden,
doch ohne Erfolg.
Die Begegnung mit Neubauer ist wieder ein kleines Stück authentischer
Nachkriegsgeschichte. Wäre, ja wäre sein deutscher Vater
nicht im Krieg gefallen, wäre er mit seinen Eltern vertrieben
worden und als Deutscher aufgewachsen. „Na, ob das wohl
besser gewesen wäre?" So blieb er mit seiner tschechischen
Mutter in Iglau, ging nicht zur Universität, sondern in die
Glasbläserlehre. Sein deutscher Name stand dem jungen Rudolf
häufig im Weg. Aber so war das halt, lächelt Neubauer.
Silber brachte auch dem vierten und letzten von uns besuchten
Weltkulturerbe Wohlstand und unermesslichen Reichtum: In Kutna
Hora (Kuttenberg) kommt alles gewaltig daher, der ehemalige Königspalast,
der Welsche Hof mit der bedeutendsten Münze des Mittelalters,
das Jesuitenkolleg und vor allem die prunkvolle St. Barbara Kathedrale.
Schließlich musste für die reichen Geldsäcke und
ehrgeizigen Patrizier alles vom Feinsten sein. Auch wenn in 500
Jahren dieses monumentale Bauwerk nicht wirklich vollendet wurde,
wirkt die Gesamtanlage auf einem Felsplateau überwältigend.
TEXT: MONIKA ZELLER
AUSKUNFT: Tschechische Zentrale für Tourismus, Karl-Liebknecht-Str.
34, 10178 Berlin, Tel./Fax 030 / 2 04 47 70, I nternet www.visitczech.cz
„Begegnung mit Böhmen", Dr. Erwin Aschenbrenner,
Dechbettener Straße 47 b, 93049 Regensburg, Tel. 0941/2
6080, Fax 2 60 81. Hier gibt es Informationen über die gesamte
Veranstaltungs-Palette der Wander-Radel- und Kanutouren sowie
der Literatur-, Musik- und sonstigen Kulturreisen nach Böhmen.
Preise: Die beschriebene Reise „Weltkulturerbe in Böhmen"
kostet mit Halbpension, fundierten Führungen und Kulturprogramm
930 Mark.
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright: