Der größte Charme des Böhmerwaldes
ist seine Einsamkeit
Bayerisch Eisenstein. Am Bahnhof Bayerisch Eisenstein
scheint die Welt zu Ende zu sein. Das riesige Gebäude ist
viel zu groß für die kleinen Triebwagen, die die Touristen
aus dem Donautal hinauf bis zur tschechischen Grenze befördern.
Bis vor 14 Jahren war hier die Welt für Westeuropäer
tatsächlich zu Ende. Den Bayerischen Wald und den Böhmer
Wald, die doch ein zusammenhängendes Gebirge sind, trennte
der fast unüberwindbare "Eiserne Vorhang". Heute
lässt sich die Grenze ohne großen Aufwand direkt auf
dem Bahnsteig passieren. Auf der anderen Seite liegt ein Land,
das manche Deutsche das „Kanada vor unserer Haustür"
nennen. Tatsächlich ist der Böhmer Wald, der Anfang
der 90er Jahre als Nationalpark ausgewiesen wurde, das größte
zusammenhängende Waldgebiet Europas.
Auf der böhmischen Seite des Bahnhofs nehmen uns Jiri und
Dalibor in Empfang. Die beiden Lehrer haben ihren Beruf in den
90er Jahren an den Nagel gehängt, um als Übersetzer
und Reiseführer zu arbeiten. Im Sommer begleiten sie Radfahrer,
Wanderer und Kulturreisende, im Winter Ski-Langläufer. Als
Skigebiet ist der Böhmer Wald in Deutschland bisher weitgehend
unbekannt. Sicher, die wenigen Schlepplifte in den winzigen Wintersportzentren
wie Churanov oder Kvilda werden Alpin-Skiläufer kaum zufrieden
stellen. Dafür sind die Loipen umso schöner. Im Gegensatz
zu den Alpen und den deutschen Mittelgebirgen, wo sich der Ski-Langlauf
in den vergangenen Jahren zu einer Mode-Sportart entwickelt hat,
sind die Spuren für die schmalen Bretter im Böhmer Wald
noch nicht überlaufen. Für Tagestouristen ist der Weg
in die schneesicheren Gebiete häufig zu weit, und die Zahl
der Unterkünfte ist im Nationalpark begrenzt.
Eine davon ist die Pension Hajenka im Dorf Filipova Hut, das die
früher dort lebenden Deutschen Philippshütten nannten.
Martin, der Wirt, hat das ehemalige Forsthaus zur höchstgelegenen
Pension des Böhmer Waldes umgebaut. Auf mehr als 1100 Meter
über dem Meer liegt selbst dann noch genügend Schnee,
wenn man anderswo mit seinen Skiern bereits auf dem Gras herumrutscht.
Filipova Hut, etwa 40 Kilometer von Bayerisch Eisenstein entfernt,
ist nicht nur das höchstgelegene, sondern auch eines der
einsamsten Dörfer des Böhmer Waldes. Gerade einmal elf
Einwohner haben dort ihren Wohnsitz. Wer aufregendes AprésSki
sucht mit Schneebar und Disco, ist hier fehl am Platz. Stattdessen
findet man naturnahe Erholung abseits jeder Hektik. Auf den größtenteils
maschinell gespurten Loipen, die direkt an den Unterkünften
vorbeiführen, hören wir nur das Knirschen des Schnees
und das Gleiten der eigenen Skier. Wer dem Wind lauscht, weiß,
warum der Böhmer Wald auf tschechisch Šumava heißt
- „die Rauschende".
Die mäßigen Steigungen sind auch für Anfänger
gut zu bewältigen. Die Mühen werden belohnt bei einer
Einkehr in der gemütlichen Turner-Hütte (Turnerova Chata),
der einzigen zugänglichen Berghütte im Kerngebiet des
Nationalparks. Dort werden für wenig Geld das landestypische
Gulasch mit "Knedlik" (Serviettenknödel) und süffiges
Pilsner Bier serviert. Noch ist Tschechien für Westeuropäer
preisgünstig. Doch nach dem EU-Beitritt des Landes am 1.
Mai wird sich das wohl schnell ändern.
Skiwandern im Böhmer Wald ist immer auch ein Ausflug in die
Geschichte. In der Nähe des nur für Fußgänger
geöffneten Grenzübergangs Bucina (Buchwald) zum Beispiel
stößt man unvermittelt auf die Reste eines Dorfes,
die unter den Schneemassen nur schwer zu erkennen sind. Nach dem
Krieg wurden die deutschen Bewohner vertrieben, ihre Häuser
zerstört. Die Tschechen erklärten einen mehreren Kilometer
breiten Streifen an der Grenze zum militärischen Sperrgebiet.
So kam es, dass der böhmische Teil des Mittelgebirges heute
im Gegensatz zum bayerischen kaum besiedelt ist. Das wird wegen
des Nationalparks auch so bleiben.
Ehemalige Bewohner kehren nur als Besucher zurück,
um die Gräber ihrer Vorfahren zu suchen und zu pflegen. Erwin
Aschenbrenner erzählt diese und andere Geschichten am Abend
nach den Touren gerne. Er hat seine Jugend auf der bayerischen
Seite der Grenze verbracht und nur hinübergeschaut ins unerreichbare
Böhmen. Nach der Öffnung der Grenze wollte er 1990 das
Land nicht nur selbst kennen lernen, sondern es auch seinen Landsleuten
zeigen. Aus kleinen Anfängen hat sich mittlerweile einer
der führenden Spezialanbieter für Reisen in Böhmen
entwickelt. Neben den Winterreisen hat Aschenbrenner Radtouren,
Familien-Wochen und - als besondere Spezialität - Literatur-Reisen
im Programm.
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