Von
Dorf zu Dorf durch die verschneite Landschaft ziehen
Jaroslav Neuzil ist glücklich. Wie ein Michael
Schumacher der Berge rührt er mit dem Schaltknüppel zwischen
den Gängen seines Busses herum und schlingert Wege rauf und
runter. Schneeflocken wirbeln durch die Luft. Klatschen gegen die
Windschutzscheibe. Häufen sich auf dem Erdboden zu einer ein
Meter hohen Schicht aus pulverisiertem, weißem Frost. Fast
drei Stunden brauchen wir für die 65 Kilometer von Bayerisch
Eisenstein nach Nove`Hutê. 14 Langläufer, die sich „Go
East" gesagt haben und ihren Skiurlaub im tschechischen Böhmenwald
verbringen wollen. Berge, Wälder, Wiesen, Gletscherseen und
Hochmoore und Flüsse. Von herber Schönheit und unendlich
weit dehnt sich der Gebirgszug an der Grenze zu Deutschland und
Österreich. 40 Jahre lang militärisches Sperrgebiet, ein
Niemandsland, in dem die Natur ungestört wuchern konnte. Gleich
nach der Wende haben fünf Böhmenwald-Gemeinden angefangen,
zwischen Birken, Buchen und Fichten ein Netz gut markierter Skiwanderwege
aufzubauen. 300 Kilometer Loipen ziehen sich heute über die
Berge. „Langlaufen ist in Tschechien ein Nationalsport",
sagt Jaroslav, unser Reiseführer, .und viel schöner als
in den Alpen."
Von Dorf zu Dorf können Skiwanderer durch
die böhmische Landschaft gleiten. Keine schroffen Gipfel und
engen Täler begrenzen das Netz der Loipen. Laufen wollen wir
dort, so weit die Beine tragen. Mal werden wir von unserer Pension
in Nové Huté aufbrechen, mal wird uns Jaroslav mit
dem Bus zu unserem Startpunkt fahren. Skeptisch beäugt er unser
wenig olympiaverdächtiges Rutschen als wir zum erstenmal auf
Brettern stehen. Dann legt er los: Gewicht abwechselnd auf den linken
und rechten Ski verteilen. Kräftig abstoßen mit dem hinteren
Fuß. "Und Oberkörper in dieWaagerechte beim Doppelstockschwung!"
Mit viel Geduld versucht der Tscheche unseren Schlurfschritt in
ein dynamisches Gleiten zu verwandeln. „Nächste Woche
findet hier der Böhmenwald-Marathon statt", spornt er
uns an. Hannelore nimmt Anlauf und saust den nächsten Hügel
hinunter. Fünf Minuten später ziehen wir sie aus dem Schnee,
die Skier verknotet, die Mütze über die Augen gerutscht,
während unser Anführer mit langen Schritten hinter einer
Bergkuppe verschwindet.
In einem sanften Auf und Ab geht es über Bergrücken,
durch Hohlwege und Täler. Dicht an dicht stehen die Fichten
und sind so dick mit weißen Kristallen bedeckt, daß
kein Grün mehr an den Zweigen zu erkennen ist. Rauhreif überzieht
wie Frostflaum die Kronen der Birken. Manchmal steht ein Marterl
zum Gedenken an einem verunglückten Holzknecht am Wegesrand.
Und manchmal Jaroslav, die Zigarette in der Rechten, die Stöcke/
in der Linken. Geduldig wartet er auf die heranschleichende Truppe.
Die Spur eines Dachses zieht sich im großen Bogen über
eine Wiese. Dahinter, heißt es auf unserer Karte, liegt der
Ort Kniecí Pláne. An der Weggabelung aber ist
nichts, kein Haus, kein Hof, keine Menschenseele zu entdecken. 1946
sind die 500 Einwohner vertrieben worden, weil sie Deutsche waren.
Erst sind die Gebäude langsam verfallen, dann haben die Militärs
sie gesprengt, damit sich kein Republikfüchtling zwischen den
Mauerresten verstecken konnte.
Drei Millionen Sudetendeutsche mußten wegen
dem Krieg das Land verlassen. Ausserdem gab es 300000 Menschen,
böhmische wie tschechische und slowakische Widerständler,
die in der Zeit des Nazi-Terrors umgekommen waren. Mehr als 60 deutsche
Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, erzählt Jaroslav.
In Knizeci Plane, einem ehemaligen Holzfällerdorf, ist der
Friedhof verschont`geblieben. Ein Viereck aus Eisenkreuzen und Granitsteinen,
das hinter einem Hügel liegt. Dort wo früher die Kirche
stand, haben ehemalige Dorfbewohner ein Holzkreuz in den Boden gerammt.
Grasgrün ist es. Und zehn Meter hoch. Im Zentrum des Böhmenwaldes,
zwischen Zelezná Ruda und dem Lipno Stausee, leben nur noch
900 Menschen.
Vor fünf Jahren ist das Gebiet zum Nationalpark
erklärt worden - 685 Quadratkilometer, sechsmal so groß
wie der deutsche Vorzeige-Nationalpark Bayerischer Wald. Keinen
einzigen Deutschen treffen wir auf den tschechischen Loipen, nur
einen Steinwurf von der Grenze entfernt. In sportlich engen Hosen
und mit flatternden Jacken flitzen ein paar schneebegeisterte Einheimische
an uns vorbei. Šumava, die Rauschende, nennen sie den Böhmenwald:
Im größten Waldgebiet Mitteleuropas hört man nur
das Wispern des Windes in den Zweigen der Bäume. Autos gibt
es so gut wie gar nicht auf den Straßen des Nationalparks.
Aber in fast jedem Ort eine gemütliche Gastwirtschaft. Mindestens
ein Hirschgeweih hängt an den holzverkleideten Wänden
über dem Eingang. Für drei Mark bekommen wir mittags deftige
böhmische Küche auf den Tisch, Serviettenknödel mit
Schweinebraten oder Kartoffelsuppe und Palatschinken.
Abends sitzen wir, die Gesichter rot und verschwitzt,
die Blasen an den Füßen mit Pflaster versorgt, im Flur
unserer Pension und warten. Gerade mal vier Duschen hat die Unterkunft
in Nové Hute` - Schfafplätze mit Komfort sind Mangelware.
„Wie damals auf der Klassenfahrt", grinst Christina,
schält sich aus einem grünlichen Polstersessel mit Sechziger-Jahre-Look,
klemmt sich Handtuch und Seife unter den Arm und verschwindet in
einem der beiden Gemeinschaftsbadezimmer. Spartanisch sind auch
die Zimmer eingerichtet, braun-beiger Teppichboden, Furnierholzmöbel,
Neonröhren. Wie die meisten Quartiere war die Pension Klostermann
früher ein Betriebsferienhaus. "Aber was soll's",
meint Gabriele, die schon zum fünften Mal im Böhmenwald
ist. "Hauptsache, draußen ist es schön." Eiszapfen
hängen an den Regenrinnen, durchbohren fast die Fensterbretter.
Strahlendweiß leuchten die Häuser der 85-Seelen-Gemeinde
in der Sonne. Frisch renoviert und rosarot ragt die Dorfkirche aus
dem Schnee. Nur vom Tante-Emma-Laden neben unserer Pension blättert
der Putz. "Vieles geht besser seit derWende, erzählt-die-Besitzerin,
die in geblühmter Kittelschürze hinter der Verkaufstheke
steht. ,,Aber mit 350 Mark Durchschnittslohn können wir hier
noch keine Sprünge machen."
Nationalpark Böhmenwald ist knapp bei Kasse, er muß größtenteils
ohne Zuschüsse des Staates auskommen. Um die Löhne der
Mitarbeiter bezahlen zu können, werden sogar Bäume gefällt
und an Papierfabriken und Möbelhersteller verkauft. „Wo
bleibt-da der Naturschutz!" schimpft Jaroslav, Mitglied der
tschechischen Grünen. Seit neuestem wühlen sich industrielle
Goldsucher durch den Boden der Sûmava. Goldsucher? „Ja,
bis ins 19. Jahrhundert hat man in der Moldau und in der Otava nach
kleinen Nuggets gefischt. Aber für einen anständigen Goldrausch
hat es nie gereicht." Heute wollen die Profis 2500 Tonnen Erde
pro Tag abräumen, in den Hügeln von Kašperské
Hory. „Nicht mit uns", sagen Bürgerinitiativen und
Umweltverbände. Mit Protestversammlungen, Unterschriftenlisten
und Petitionen kämpfen sie gegen die Pläne.
Wir wollen Gold sehen. Kramen unsere Skier aus
dem Bus und machen uns auf den Weg zur Kalten Moldau. Dort kann
man mit einer Schüssel in der Hand stecknadelkopfgroße
gelbe Klümpchen aus dem Schlamm des Flusses waschen, Zwischen
Borová Lada und Kvilda windet sich die Moldau durch den Schnee.
Am Ufer stehen spitz geformte, mannshohe Hügel - die Abraumhalden
der traditionellen Goldwäscher. Heute macht sich kein Böhmenwäldler
mehr die Mühe, für ein paar glänzende Körner
stundenlang im kalten Wasser zu stehen. Nach einem Blick auf die
Strömung, auf die mit Schnee bedeckten Felsen mitten im Fluß
stemmen wir uns auf die Skistöcker und machen uns auf den Rückweg
nach Nové Hutê.
An dunkelbraunen Holzhäusern gleiten wir vorbei,
die einsam in der Landschaft stehen. An Bauernhöfen mit breit
ausladenden Dächern, patinagrünen Türmchen und Stapeln
von Brennholz neben der Tür. Nur an den Rändern des Gebirges
sind kleine Städte gewachsen. Wie Prachatice, Jaroslavs Heimatort,
dessen Altstadt so aussieht, als wäre sie vor 400 Jahren eingepackt
und erst vor kurzem wieder ausgewickelt worden. Oder Ceský
Krumlov, auf deutsch Krumau, von der Unescoo als bedeutendes Weltkulturerbe
eingestuft. Die Stadt liegt zwischen zwei Schleifen der Moldau.
Ein Ansammlung von rotbraunen Ziegeldächern aus Fresken, Wappen,
Säulen, Simsen, Ornamenten und Schnitzereien. Fast alle Häuser
im Zentrum wurden im ausgehenden Mittelalter gebaut, manche später
mit Barock- oder Rokokofassaden verkleidet.
Wie eine Festung thront das zweitgrößte
Schloß Tschechiens über dem Ort. 600 Zimmer, fünf
Innenhöfe, von einer meterdicken Mauer umgeben. Im Sommer treten
sich die Besucher von Ceský Krumlov gegenseitig auf die Füße.
Sogar Prinz Charles und das schwedische Königspaar waren auf
Sightseeing-Tour hier. Im Winter dagegen ist es still und schön.
Kleine Jungen kicken Eisklumpen über das Kopfsteinpflaster,
wischen sich die Rotznase am Ärmel ihres Anoraks ab. Die Abendsonne
spiegelt sich in den Bleiglasfenstern der Häuser. Durch den
Spalt einer angelehnten, mit schmiedeeisernen Ranken verzierten
Tür dringt Flötenmusik durch die Gassen, „Soviel
Kultur, soviel Natur", sagt Hildegard neben mir, als wir wieder
im Bus durch die verschneite Landschaft fahren. „Das gibt's
bei uns schon lange nicht mehr."
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
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