Per
Velo den Böhmerwald entdecken.
Der Böhmerwald hat unzählige Dichter
fasziniert, darunter Rilke und Stifter. Weniger bekannt der Prager
Literat Karel Capek (1880 bis 1938), der für die Gegend besonders
treffende Worte fand: «Diese Berge sind voller Wasser, man
wird nicht klug daraus, woher das alles fliesst. Hinter der Welle
eines Hügels die nächste Welle, nichts als Wald, nichts
als langer und tiefer Wald; hier ist alles in unendlicher Länge
gebaut, die Berge und die Dörfer und die Wälder und auch
die Zeit, die enge, rauschende Zeit.» Das Erstaunlichste an
diesem Wald im Grenzdreieck von Österreich, Deutschland und
Tschechien ist tatsächlich seine Grösse, fast Unendlichkeit
für Schweizer Begriffe. Wenn man auf den Aussichtsturm auf
einem der Hügel steigt, die alle je einen tschechischen und
einen leutschen Namen besitzen, dann sieht man Wald, so weit das
Auge reicht. Die Dörfer sind rar: nur 1,5 Menschen pro Quadratkilometer
leben im Kerngebiet des Böhmerwaldes auf tschechischer Seite.
Dieser Wald heisst hier Šumava, übersetzt «die Rauschende».
Es rauscht hier alles mögliche: die Tannen und Fichten, die
Bäche und Flüsse, oft auch der Regen, vielleicht gar die
Zeit.
Nach den weiten Wäldern kann man süchtig werden wie früher
die Dichter und heute die Touristen, Velofahrerinnen und Langläufer
vor allem. So viele kommen aber nicht, Ruhe lässt sich hier
noch finden. Der Zauber, die nachhaltige Wirkung der Wälder
ist schwer zu erklären, denn Bilderbuchlandschaften gibt es
hier abgesehen von den wenigen zugänglichen Moorgebieten und
Moorseen keine. Die Fichtenwälder sind nicht einmal besonders
urwüchsig, weil auch die Kernzonen des heute grössten
Nationalparks Tschechiens und Biosphärenreservats erst wenige
Jahre oder Jahrzehnte ganz der Dynamik der Natur überlassen
sind.
Der Urwald ist anders
Der Urwald sieht jedenfalls anders aus. Das zeigt ein Ausflug zum
Berg Kubani, der auf der tschechischen Karte Boubín heisst
und von Lenora oder Vimperk aus zu erreichen ist. Der Fürst
Jan Adolf von Schwarzenberg hat die Wälder am Kubani schon
1858 unter absoluten Schutz gestellt, und auch in den Jahrhunderten
davor durften hier keine Förster ans Werk, weil die Herrschaften
ungestört Hirsche und Auerhähne jagen wollten. Auf mehr
als 4001 Jahre hat es der legendäre «Fichtenkönig»
gebracht, ein 60 Meter hoher Urwaldriese, der 1970 einem Sturm zum
Opfer fiel. Ganz schief sei er am Schluss dagestanden, gebeugt vom
böhmischen Westwind, steht auf der Gedenktafel. Die übrig
gebliebenen Buchen- und Fichtengreise sind noch eindrücklich
genug, und Karel Capek muss auch beeindruckt gewesen sein, sonst
hätte er nach seinem Besuch nicht so schön spotten können:
«Fast erwartet man eine Tafel mit der Aufschrift <Bäume
ausreissen verboten> oder <Tritt nicht auf die gefallenen
Riesen, sie fühlen wie du>. Es liegen. Baumstämme in
allen Stadien der Zersetzung herum, so dass du weder vorwärts
noch rückwärts kannst. Man lässt das so als Beispiel,
welch fürchterliche Unordnung die Natur anrichtet, wenn sie
sich selbst überlassen wird.»
Der Natur auf der Spur ...
Die Zitate stammen aus einem Buch, das Erwin Aschenbrenner aus dem
deutschen Regensburg zusammengestellt hat für die Literaturreisen,
die er im Böhmerwald durchführt, neben Radwanderungen,
Kanutouren, Familien-, Wander- und Langlaufwochen. Der Reiz seiner
Reisen liegt darin, dass der charismatische Böhmerwaldkenner
im dünn besiedelten Grenzgebiet lauter Geistesverwandte aufgespürt
und angeheuert hat. Zum Beispiel den bayrischen Biologen Markus
Schmidberger. Bei der letzten Tour fuhr er bei strömendem Regen
los. Aber alle paar hundert Meter stieg er wieder vom Rad: «Da
ist so unheimlich viel los!» Er zeigt das dreikantige Riedgras,
das die Waidler früher zu Zöpfen flochten und als Matratzenfüllung
benutzten. Auch der Ameisenhaufen am Wegrand verdient einen Halt.
Hier demonstriert Schmidberger, wie die Ameisensäure rosa Tupfen
auf die Glockenblume zaubert. Dann erzählt er von den Vögeln,
die im Ameisenhaufen manchmal ein Bad nehmen, um ihre Parasiten
loszuwerden. Und die überall wuchernde Heidelbeere: Diese Pflanze
kann bis zu tausend Jahre alt werden. Er macht auf den Regenruf
des Buchfinks aufmerksam und fährt durch den Nebel voraus zum
Dreiseenmoor. Wie golden das dunkle Wasser der Moorseen schimmert,
wenn Sonnenstrahlen darauf treffen, und wie azurblau und feuerrot
dann die feinen Körper der Libellen leuchten, zeigt erst der
nächste Tag.
... und der traurigen Vergangenheit
Jaroslav Neuûil aus dem tschechischen Städtchen Prachatice
begleitet die nächste Tour. Radfahren ist deshalb so schön
im Nationalpark, weil man mit dem Velo in seinen ausgedehnten Wäldern
weiter kommt als zu Fuss, weil die Routen gut markiert und die Steigungen
moderat sind. Viele der schmalen, geteerten Strassen sind autofrei.
Ihr guter Zustand ist der Forstwirtschaft zu verdanken - und der
traurigen Vergangenheit. Hier hat der Militärverkehr dominiert,
hier ging noch vor zehn Jahren der Eiserne Vorhang quer durch den
Wald, hier haben zuerst die Deutschen die Tschechen vertrieben und
nach dem Zweiten Weltkrieg die Tschechen die Deutschen. In den fünfziger
Jahren wurden ihre verlassenen Häuser in die Luft gesprengt,
damit sich keine Ostflüchtlinge darin verstecken konnten. Wenn
jetzt Jaroslav Neuüil dort hält, wo früher das Dorf
Fürstenhut stand, wenn er den Friedhof zeigt, den die ehemaligen
Bewohner wieder hergerichtet haben, dann berührt das als eine
leise, behutsame Art der Vergangenheitsbewältigung, die hoffen
lässt.
Ein Stück Weltkulturerbe
Wer den Böhmerwald bereist, der sollte das nahe Krumau (Ceský
Krumlov) nicht verpassen, das allerdings seit der Aufnahme ins Weltkulturerbe
der Unesco kein Geheimtipp mehr ist. Nach den einfachen Mahlzeiten
in den Pensionen des Nationalparks gibts hier böhmische Küche
vom Feinsten, und für die Fassadenmalereien und Sgraffitos
ist so richtig empfänglich, wer ein paar Tage durch die stillen
Wälder geradelt ist. In der Altstadt ist kein Haus jünger
als dreihundert Jahre, und die Fundamente stammen oft aus dem vierzehnten
Jahrhundert. «Wer hier ein Haus besitzt, hofft inständig,
dass keine Malereien unter dem Putz stecken», erzählt
Dalibor Hiric. Dann würden die Renovierungskosten nämlich
ins Unermessliche steigen. Bei den Gästen ist es umgekehrt:
Sie freuen sich über jede Rose, die unter einem abblätternden
Anstrich zum Vorschein kommt, über jede Überraschung,
die hinter der nächsten Gassenecke wartet.
Eine wahre Wundertüte ist zum Beispiel das Schloss. Den Maskensaal
voller Ritter und Matronen, Harlekins, Zauberer und Musikanten hat
schon Rilke beschrieben. Weltberühmt ist auch das Barocktheater,
in dem über die Kulissen und Kostüme bis zu den Skripts
und den damals aufgeführten Opernlibretti alles erhalten geblieben
ist. Als Prinz Charles das Theater 1994 besichtigte, sei er so beeindruckt
gewesen, dass er Vaclav Havel gebeten habe, eine der ganz seltenen
Aufführungen miterleben zu dürfen. Havel habe ihn daraufhin
auf die Warteliste gesetzt, und Charles warte immer noch ... Diese
Geschichte ist nun doch zu schön, als dass sie Dalibor Hiric
oder sonst ein tschechischer Reiseführer auslassen könnte.
Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.
Layout und Bilder Copyright:
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